Wolfgang Schreyer Preis

Der Tod ist gewiß, die Stunde ungewiß.
Mors certa, hora incerta.

Wolfgang Schreyer

 

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Zum Tod eines Freundes

 

Die Nachricht seines Abschiedes aus dieser Welt erreichte uns alle

kurz vor seinem 90. Geburtstag.                                                                                       

In seinem letzten Band „Zuguterletzt“ hatte er einige Zeilen geschrieben, zu diesem Unabwendbaren im Leben eines jeden Menschen.

„Jetzt also erlischt mein eigenes, sanft und schmerzlos immerhin.“

Es schien ihm keine Pein zu bereiten, der Gedanke daran, dem einzig Gerechten auf dieser Welt zu begegnen.

Es ist nun an uns, sein Werk zu bewahren.

Unser „Wolfgang Schreyer Preis für solidarisches Handeln“ wird ein Teil des aktiven Erinnerns an einen Menschen und sein umfangreiches prägendes Werk sein.

Wir verneigen uns vor einem Meister der Feder, des klaren Gedankens und der emotionalen Erzähl- und Fabulierkunst.

 

Helmhold Seidlein

 

 

                                     

Zum Geburtstag Wolfgang Schreyers

Wolfgang Schreyer zum 90. Geburtstag am 20. November 2017

Das Werk von Wolfgang Schreyer gehört zur lesenswerten Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts.

Er hat die Gabe

in Einzelschicksalen und Gruppenerlebnissen Gefühle, Erfahrungen, Ängste, Freuden, Erwartungen und Enttäuschungen seinen Lesern nahezubringen.

Wolfgang Schreyer, ein gelernter Drogist, war und ist ein Großer der schreibenden Zunft.

Dabei war und ist  er so ganz Einer von uns, einer von gegenüber oder von nebenan. Seine lebensbejahende Herzlichkeit, seine Akribie, seine Hilfsbereitschaft und seine Fähigkeit des Zuhörens, machten ihn für Viele  zu einem Menschen mit einem großen Vertrauensbonus. Niemals hat er dieses Vertrauen enttäuscht.

Wie kam er zum Schreiben vor nunmehr weit mehr als 60 Jahren?  Wohl deshalb, weil das Schreiben zu ihm kam. So wie eine Melodie zu einem Komponisten kommt und er sie als Noten nachspielbar  und für andere hörbar macht, so kamen Worte, Sätze, Kapitel um Kapitel, Buch für Buch zu ihm. Er konnte nicht anders, als alles aufzuschreiben. In Zweijahresabständen hatten seine Verlage neue Werke von ihm veröffentlicht.

Seine Geschichten, Erzählungen, Romane, Tatsachenberichte, Essays sind spannend, nachdenklich, anregend, diskutabel und sprachlich auf hohem Niveau.

Dabei ist sein Genre nicht das der Bauer von geschliffenen Sätzen in Grimm scher oder in Mann scher Manier.

Abenteuerlich, leidenschaftlich, exotisch, gelegentlich erotisch geht es zu  in seinen Texten.

Zeiten, Schauplätze, bekannt, unbekannt, erreichbar oder nur im Träumen nachzuvollziehen, wechseln.

Die Kriminalgeschichten zum Beginn der 50er Jahre waren für Menschen geschrieben worden, die nach solchen Stoffen, und damals gab es aus der neuen Zeit so etwas  nicht, suchten. Seine Bücher waren die ersten Kriminalromane dieses deutschen Staates  im Osten des geteilten Landes. Und waren es  damals  Geschichten, die die Leselust vieler Menschen zufrieden stellten, so sind diese in  der Zeit  geschriebenen und spielenden Romane und Erzählungen   auch heute noch ehrliche Zeitzeugen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts.

In einigen seiner frühen Romane und auch Kurzgeschichten kehrte Wolfgang Schreyer in die Jahre des II. Weltkrieges zurück. Dem Warschauer Aufstand, dem Schicksal unserer europäischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern jüdischen Glaubens galt seine teils intime und immer  sehr schmerzhafte Zuwendung.

Die Welt war in den Jahrzehnten des kalten Krieges in  der dauernden Gefahr, vernichtet zu werden. Geschichten um Ereignisse, um Personen um Verfehlungen und unglaublich heroische Taten bewegten die Leserinnen und Leser ebenso wie die Nachrichten in den Medien über Atombombenversuche, Kriege um den Suezkanal oder den Aufstand in Ungarn.

Wolfgang Schreyer schilderte dies alles  in der ihm eigenen Arzt und Weise und  immer in den konkreten  Auswirkungen auf das Schicksal der in den Strudel der Ereignisse geratenen Menschen, Familien und sozialen Gruppen.

Für das Leben der Menschen in Mittelamerika, in der Karibik, hatte Schreyer ein besonderes  Gefühl entwickelt. Er hatte die dort unter heißer Sonne und in Hurrikangebieten spielenden Erzählungen und Romane wie auch Dokumentationen und die daraus entstandenen Filme wohl nicht für die Leser jenseits des Atlantik geschrieben, sondern in erster Linie für die Menschen in seiner Heimat. Er wußte um deren Sehnsüchte, er wuße, da leben Menschen, die  schon mit Karl May um die Welt gereist waren und nun auch in der neuen Zeit Lust auf Abenteuer verspürten.                       Der Weg dorthin war den meisten von ihnen  verschlossen, sich dahin zu versetzen und in der Phantasie eben dort unterwegs zu sein, diese Inspiration erwarteten sie von Einem, der in  Magdeburg, Dresden, Berlin und Ahrenshoop wohnte, lebte und arbeitete und so  eindrucksvoll und kenntnisreich Verhältnisse, Regionen, Ereignisse und Menschen auch weit ab von Mitteleuropa  beschreiben konnte.

Überhaupt diese Kenntnisse. Leserinnen und Leser konnten sich darauf verlassen, daß ihnen sehr exakt über  Umstände, Gewohnheiten, Konflikte weit ab von ihrem eigenen Lebenskreis berichtet wurde.  Wolfgang Schreyer nutzte alle Möglichkeiten des Studiums der Schauplätze seiner  Geschichten. Sicher, die Besuche in Kuba mit Kurt Mätzig lagen zeitlich weit nach dem Erscheinen vieler seiner Geschichten. Wesentliche Abweichungen zwischen seinen früheren Beschreibungen und dem dann selbst Erlebten, mußte er aber nicht feststellen.

Er fand dort bestätigt ,was er von diesen Menschen berichtet hatte, ihre Offenheit, ihre Gastfreundschaft ihre Solidarität, aber auch ihre Schwächen und Verfehlungen.

Und so sind seine Bücher über Intrigen, Verletzungen, Umstürze, Freundschaft und Verrat heute ein lebendiges Abbild von mittelamerikanisch- karibischen Verhältnissen  in einer Zeit, als der Traum einer Weltrevolution noch lebendig war und Hoffnungen aber auch viele Widerstände  weckte.

Die Vehemenz, die Gewalt mit der dieser Traum zugrunde ging, hat den streitbaren solidarischen Humanisten Schreyer ungemein berührt.

Die Schauplätze in seinem Werk wechselten. Auch Europa, Deutschland, seine Heimat an der Ostsee boten genügend Stoff für nicht weniger  aufregende Geschichten, erst recht dann, als es nur noch eines Flugtickets bedurfte, um sich vor Ort Palmen, Strände, karibische Lebensfreude und Folgen postkolonialer Entwicklungen zu betrachten, zumeist aus dem europäisch eingerichteten Hotelzimmer oder dem klimatisierten Bus heraus.

Auch voraus in technische Zukunftsvisionen reichten seine Gedanken.

Im neuen Jahrtausend kehrte er in seinem Werk nach Nordamerika zurück. Der 11. September, dieses wohl erst in Jahrzehnten einmal aufgeklärte Gespinst von Ursachen und Wirkungen, von Lügen und Halbwahrheiten, von marktschreierischem Patriotismus und von ganz leisen, nicht wahrgenommenen Einzelschicksalen aus dem Umfeld der  mehreren tausend Attentatsopfern ließ ihn nicht los, er mußte darüber und dazu schreiben.

Das weltumspannende  Geflecht , indem die Idee geboren, die Vorbereitung  und die Durchführung dieses  Anschlages organsiert  wurden, legte er bloß. Die alte Frage „Wem nützt es? “ wurde von ihm neu gestellt.

„Zuguterletzt“, der Titel eines Bändchens aus dem Jahr 2016, macht wehmütig. Soll es gut sein,  etwas Letztes zu tun, fragt sich der Leser.

Wolfgang Schreyer antwortet auf seine Art, direkt und mit Umschreibungen, zärtlich aber auch anfassend, traurig aber Hoffnung gebend, Abschied nehmend aber mit dem Wunsch zu bleiben, in den Erinnerungen derer, die   um ihn waren und sind in seinen vielen Jahren, in Erinnerungen derjenigen, deren Leselust er befriedigt hatte und derer, denen er Lust zum Lesen gegeben hatte und die mit ihm durch die Welt, durch die Höhen und Tiefen menschlichen Seins gereist waren und in Erinnerung derer, die sein so umfangreiches Schaffenswerk auch heute neben dem erbaulichen, nachdenklichen, schmunzelnden Lesen nutzen, um Ereignisse rückblickend besser verstehen zu können, die er beschrieben hatte und um die Zeiten besser zu begreifen, aus denen heraus er geschrieben hat.

Wir danken Wolfgang Schreyer, der aufrecht zur Wahrheit steht, der Freunden immer ein Freund war und der Generationen ein Lesevergnügen ganz eigener Art gab, eben das von Schreyer.

Helmhold Seidlein

 

Nachsatz

Lieber Wolfgang,

an Deinem 90. Geburtstag sind wir, alle Deine Leserinnen und Leser,  Deine Weggefährtinnen und Weggefährten an Deinem Tisch im Haus am Niemandsweg hinter den Dünen und wünschen Dir und Deiner lieben Frau, Deinen Kindern  und Enkeln  einen Tag voller Sonnenstäubchen, einen Tag, der Dein Leben spiegelt.

Dein

Helmhold