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Pressemitteilung vom 08.03.2021

Die Mehrheit der Menschen auf unserer Erde sind Frauen!

Frauentag in Zeiten von Corona

Liebe Frauen und Mädchen im Verband, es ist Ihr Tag. Herzliche Grüße, und Gute Wünsche für Gesundheit, Kraft und Zuversicht.

Natürlich wissen wir, Ihre männlichen Begleiter, dass jeder Tag Frauentag ist. Frauen sind stärker als Männer, Frauen tragen das Leben weiter.

Wenn es notwendig ist, einen Tag im Jahr zu haben, an denen ganz besonders auf die Leistungen der Frauen hingewiesen werden muss, dann ist dies bedrückend. Etwas Selbstverständliches immer wiederholen zu müssen, zeugt von Ignoranz, Überheblichkeit und Uneinsichtigkeit. Nun ist dies durchaus nicht nur den Männern zu schulden, von denen sich viele vehement dafür einsetzen, den Verfassungsgrundsatz (Artikel 3 des Grundgesetzes) gesellschaftliche Wirklichkeit werden zu lassen.

Auch Frauen stehen ihren eigenen berechtigten Ansprüchen im Wege. Wie ist es sonst zu erklären, dass keine tatsächliche Frauenbewegung entstanden ist, als im Coronajahr mehr und mehr Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte nicht nur in Frage gestellt, sondern ausgesetzt und sogar abgeschafft worden?

Denken wir an geschlossene Kindergärten, an geschlossene Schulen. Denken wir an das, aus für uns überhaupt nicht nachzuvollziehende, Hochjubeln des Homeoffice. Sogar ein Rechtsanspruch dafür war in der Diskussion. Das wichtigste Element des gesellschaftlichen Zusammenseins, die Arbeit, wird damit ihrer zentralen Aufgabe, dem gemeinsamen Schaffen, entledigt.  Mit all diesen als gut und notwendig angepriesenen Maßnahmen wurden die Frauen wesentlicher Teilhabemöglichkeiten beraubt. Wie immer trifft es die am meisten, denen der Weg durch das Leben sowieso schon schwerfällt: die Frauen, die allein sind, die Frauen, die behindert sind, die Frauen, die behinderte Kinder haben, die Frauen, die im Niedriglohnsektor arbeiten müssen. Sie müssen sich dann auch noch die platten Sprüchen über die Systemrelevanz der anderen anhören.

Wo sind die wirklichen Aufschreie der Frauenorganisationen, der Frauenvorkämpferinnen geblieben? Ja, hochbezahlte Moderatorinnen in klimatisierten Fernsehstudios hatten gut plaudern über den Gender Gap oder Sternchen. Sind das die Probleme der Frauen, die oben genannt worden sind? Sind das Hilfen für die berufsanerkannten ausgebeuteten Prostituierten?  Werden den Müttern damit die Sorgen um Rauschgiftverkauf auf den Schulhöfen an ihre Kinder genommen? Erreichen diese Talkrunden die geschlechterunabhängige Gleichheit des Lohnes für gleiche Arbeit? Sind das die Probleme der sehr alten einsamen Frauen, die Deutschland nach dem Krieg hungernd und frierend wieder aufgebaut und ihren Kindern Geschichten über Trolle, Hexen, Zwerge erzählt oder aus dem Struwelpeter vorgelesen haben, auch, damit diese, ebenso hungernd und frierend, Schlaf fanden?

Sich an einem Tag den frauenspezifischen Problemen zu widmen, ist gut. Diesen Tag als Alibi zu nutzen, um an allen anderen Tagen des Jahres die Nöte und Sorgen von Mädchen und Frauen zu ignorieren, bzw. sie als eine Nebensache zu betrachten, das ist menschenverachtend.

So müssen wir uns auf den Ursprung des Tages besinnen: Nein, es war kein Feiertag. Es war ein Kampftag für die Gleichheit von Frauen und Männern im gesellschaftlichen Leben, in der Familie, im Beruf, in der Bildung, in Sport, Kultur, Wissenschaft - überall.

Corona hat uns von diesem Ziel ein ganzes Stück weiter entfernt, der Kampf muss wieder intensiviert werden.

Liebe Mädchen und Frauen im Verband: Seien Sie sichtbar, seien sie hörbar, seien Sie unnachgiebig, wenn es um die Schaffung von gleichen Bedingungen für Frauen und Männer geht. Dulden Sie keine Diskriminierung. Leben Sie Artikel 3 unseres Grundgesetzes!  

Unser Verband ist dabei immer an Ihrer Seite.

Helmhold Seidlein
SoVD Landesvorsitzender Mecklenburg-Vorpommern