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Erwerbsminderung – Rehabilitation vor Rente


Jeder bei der Deutschen Rentenversicherung (DRV) versicherte Werktätige, der sich nicht im Stande sieht, einer Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt nachzugehen, kann bei der DRV eine Erwerbsminderungsrente beantragen. Auskünfte über das Verfahren geben die A- und B-Stellen (Auskunfts- und Beratungsstellen) der DRV vor Ort. Beratung erhalten Interessierte auch in den Beratungszentren des Sozialverband Deutschland - SoVD.

Von der Deutschen Rentenversicherung werden mindestens zwei Prüfungen vorgenommen:

1. Sind die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen gegeben? Dazu gehörten beispielsweise die Dauer einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit und die Beitragszahlung in den letzten 5 Jahren vor Antragstellung

2. Bestehen dauerhaft nicht behandelbare funktionelle Einschränkungen, die es nicht erlauben, einer leichten körperlichen Tätigkeit in wechselnder Körperposition mindestens 3 bis unter 6 Stunden nachzugehen?

Die erste Prüfung wird von den Versicherungsfachkräften der DRV durchgeführt. Die zweite Prüfung erfolgt durch den Sozialmedizinischen Dienst der DRV bzw. durch von der DRV beauftragte medizinische Fachgutachter.

Im Ergebnis der sozialmedizinischen Prüfung nach Aktenlage oder durch den medizinischen Gutachter werden folgende Fragen beantwortet:

1. Sind alle medizinisch notwendigen und zumutbaren (mitwirkungspflichtigen) Maßnahmen, Therapien durchgeführt und ausgeschöpft worden und besteht dennoch auf Dauer eine Einschränkung des Leistungsvermögens? Solch eine Einschätzung setzt voraus, dass therapeutische Maßnahmen der jeweiligen Fachärzte nicht zu einer Besserung des wahrgenommenen gesundheitlichen Befindens geführt haben.

2. Besteht beim Antragsteller kein Leistungsvermögen mehr für eine drei- bis unter sechsstündige Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, unabhängig von seinem erlernten Beruf und von seiner zuletzt ausgeübten beruflichen Tätigkeit?  Dabei geht es bei der Einschätzung des Leistungsvermögens für den allgemeinen Arbeitsmarkt nicht um eine Arbeit an einem tatsächlich vorhandenen Arbeitsplatz. Die Aussage bezieht sich allein auf einen fiktiven Arbeitsplatz, der in Deutschland mindestens neunmal vorhanden sein sollte.

3. Besteht beim Antragsteller Leistungsvermögen für eine drei- bis unter sechsstündige Tätigkeit in seinem erlernten Beruf oder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt?

4. Besteht beim Antragsteller Leistungsvermögen für eine sechs- und mehrstündige Tätigkeit in seinem erlernten Beruf? Falls nicht, besteht dann Leistungsvermögen für eine sechs- und mehrstündige Tätigkeit oder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt? 

5. Sofern ein eingeschränktes oder auch aufgehobenes Leistungsvermögen im erlernten Beruf bzw. in der derzeit oder zuletzt ausgeübten Tätigkeit besteht, ist die Frage zu beantworten, ob das Leistungsvermögen durch medizinische Maßnahmen (Rehabilitation) gebessert oder wieder hergestellt werden kann. Wird dies verneint, muss die Frage beantwortet werden, ob Leistungsvermögen für den allgemeinen Arbeitsmarkt besteht und ob für die Vorbereitung auf die Umsetzung dieses Leistungsvermögens Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, also Unterstützungen bei Qualifizierung, Anpassung, Arbeitsplatzherrichtung usw., mit Aussicht auf Erfolg erbracht werden sollen.

Diese Beurteilung durch die DRV steht in keinem Zusammenhang mit einem eventuell anerkannten Grad der Behinderung oder Schwerbehinderung, ebenso in keinem Zusammenhang mit der Feststellung der Agentur für Arbeit, dass keine Vermittlung möglich sei, auch nicht im Zusammenhang mit einer berufsgenossenschaftlich festgestellten Berufsunfähigkeit oder mit einer durch Privatversicherungen festgestellte Berufsunfähigkeit. Die Beurteilung steht auch in keinem Zusammenhang mit einer zum Zeitpunkt der Begutachtung ärztlicherseits festgestellten Arbeitsunfähigkeit, wie auch nicht im Zusammenhang mit einer durch Haus- oder Fachärzte ausgesprochenen Empfehlung einer Rentengewährung.

Wir empfehlen jedem, der einen Antrag auf Zuerkennung einer Rente wegen geminderter Erwerbsfähigkeit stellen will, sich umfassend kompetent beraten zu lassen. Suchen Sie die Deutsche Rentenversicherung auf und kommen Sie in unsere Beratungszentren!

Jeder sollte seinen geplanten Antrag mit seinen Fachärzten besprechen. Sofern er noch keinen Facharzt aufgesucht hat, sollte dies unbedingt erfolgen. Der Antragsteller sollte seine Ärzte bitten, ihren Bericht, den diese auf Verlangen der DRV erstellen müssen, nicht allein mit Diagnosen zu füllen. Es gilt: Für Diagnosen gibt es keine Rente! Aus den Arztberichten muss klar, plausibel und nachvollziehbar hervorgehen, dass wesentliche funktionelle Einschränkungen bestehen, die auch durch eine umfassende Therapie nicht zu beseitigen waren und auch künftig nicht beseitigt werden können.  Auch nicht durch die Nutzung von Hilfsmitteln, wie Bandagen, Korsetts, Gehhilfen, Hörgeräte, Brillen usw. Die funktionellen Einschränkungen sollen ausführlich dargestellt werden.

Jeder Antragsteller sollte sämtliche medizinischen Unterlagen zusammentragen, wie Arztberichte, Krankenhausbriefe, Rehabilitationsberichte, Ergebnisse von Laboruntersuchungen, Röntgenuntersuchungen, MRT, CT usw. Es gilt, je mehr, desto besser. Er sollte sich die Unterlagen durchlesen und wenn Fragen auftauchen, diese mit seinen Fachärzten klären.

Halten sich die Antragsteller an diese Empfehlungen, haben sie gute Chancen auf eine fachlich kompetente Beurteilung ihres Antrages.

Dr. med. Helmhold Seidlein 
Orthopäde, Rehabilitationsarzt, Sozialmediziner 
Landesvorsitzender SoVD Mecklenburg-Vorpommern