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Pressemitteilung vom 06.08.2020

11 Vorurteile über Inklusion


Liebe Freundinnen und Freunde des Sozialverband Deutschland in Mecklenburg–Vorpommern,

das Schul- und Ausbildungsjahr hat begonnen.

Von Vielen wird es als ein besonderes Jahr gekennzeichnet. Manches ist anders, aber besonders?

Alles mit Corona zu begründen ist viel zu kurz gedacht. Aber es ist gut, dass Corona uns zwingt kleinere Klassengrößen zu schaffen.

Es ist gut, dass Corona uns zwingt, darauf zu achten, dass die Kontakte zwischen Schülern freundschaftlich und solidarisch sind. 
Es ist gut, dass Corona uns zwingt , über neue Unterrichtsformen nachzudenken und wichtige Lernmittel zur Verfügung zu stellen. 
Es ist besonders gut, dass uns Corona dazu zwingt, unser Schulsystem zu überdenken. Ein so kleines Land wie Deutschland, mit gerade einmal 83 Millionen Einwohnern, leistet sich 16 verschiedene Schulsysteme. Das ist lächerlich, unökonomisch unsolidarisch. 
Es ist auch gut, dass Corona uns zwingt noch genauer hinzuschauen und Veränderungen anzustreben, wenn Bildung zur Ware wird und wenn die Bildungschancen so ungleich verteilt sind wie derzeit. Wir brauchen ein einheitliches Schulsystem in einer einheitlichen Schule, welche dem Einzelnen dennoch Raum lässt sich entsprechend seinen individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln. Selbstverständlich braucht die Gesellschaft in allen Bereichen Menschen, die sich mit Freude einer Aufgabe stellen. Dies kann nur dann möglich sein, wenn diese Aufgabe eben den Neigungen und Fähigkeiten entspricht. Eine einheitliche Schule in einem einheitlichen Bildungssystem bedeutet gerade keine Gleichmacherei aber sie schafft gleiche Bedingungen für alle, eben inklusive Bedingungen.

Der Sozialverband Deutschland in MV gehört zu den Organisationen, die sich für eine inklusive Gesellschaft, eine inklusive vorschulische und schulische Bildung, eine inklusive Aus- und Weiterbildung und einen inklusiven Arbeitsmarkt eingesetzt haben und einsetzen. 
Dabei haben wir nie gesagt es sei einfach dieses neue Gesellschaftsmodell umzusetzen, denn es fordert etwas von allen, was von so vielen wortreich beschworen, in der Wirklichkeit aber nicht gelebt wird: Solidarität.

Die Inklusion als Gesellschaftsmodell ermöglicht allen Menschen am Leben teilzuhaben. Um dies zu erreichen, müssen die gesellschaftlichen Bedingungen und die Gegebenheiten in allen gesellschaftlichen Bereichen wie dem Wohnen, dem Arbeiten, der sportlichen und kulturellen Betätigung und der Betreuungssituationen im Alter umgestaltet werden. 
Das alles ist aufwendig, fordert Verzicht bei einigen, bringt Gewinn für Viele. 
Es gibt viele Vorurteile gegen eine inklusive Gesellschaft, erstaunlicherweise. Aber es scheint eben einfacher zu sein Solidarität lauthals zu bekunden und Geld zu spenden, als Solidarität zu leben mit Jeder und Jedem.

Wir, der Sozialverband Deutschland in MV, werden uns weiterhin für die Schaffung einer inklusiven Gesellschaft einsetzen. Wir werden von der Politik weiterhin fordern, dafür die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen und wir werden  mit Bürgerinnen und Bürgern darüber sprechen welch gesellschaftlicher und individueller Gewinn ein barrierefreies, solidarisches Miteinander ist. Wir werden aber auch darauf verweisen, dass Solidarität und Schaffung inklusiver Lebensbedingungen keine Einbahnstraße sind. Wer Solidarität empfängt, muss auch bereit sein, Solidarität zu geben. Wer inklusiv leben kann, muss zulassen, dass es andere auch können. Es geht um den Nutzen für den Einzelnen durch den Nutzen für die Gemeinschaft. Nehmen ohne Geben ist nicht möglich.

Wir freuen uns deshalb, dass wir mit Einverständnis der „Aktion Mensch“ deren 11 Thesen über Vorurteile gegen die Inklusion veröffentlichen können. Wir halten diese Zusammenstellung für sehr gelungen. Sie regt zum Nachdenken an und zwingt uns Fragen an uns selbst auf: „Wie halten wir es mit der Inklusion?“

Ich wünschen Ihnen Freude beim Lesen und hoffe, auch Sie werden zu Botschaftern der Inklusion in unserem Bundesland.
 

Ihr

Dr. med. Helmhold Seidlein
SoVD-Landesvorsitzender

 

11 Vorurteile über Inklusion - wir machen Schluss damit!

Inklusion? Na klar! Laut einer Umfrage der Aktion Mensch von 2019 ist sich die große Mehrheit der Deutschen einig: Menschen mit und ohne Behinderung sollten in unserer Gesellschaft gleichberechtigt zusammenleben. In der Praxis jedoch hält sich so manches Vorurteil hartnäckig. Wir haben die 11 häufigsten Vorurteile über Inklusion einem Faktencheck unterzogen!
 

1. Menschen mit Behinderung sind grundsätzlich hilfsbedürftig. 

Frei nach dem Pfadfindermotto „jeden Tag eine gute Tat“ werden manche Mitbürgerinnen und Mitbürger schnell aktiv, wenn sie einen Menschen mit Behinderung sehen: Blinde werden über die Straße geführt, Kleinwüchsigen die Nudeln aus dem Supermarktregal gereicht und Rollstuhlfahrer rasch über die Bordsteinkante geschoben. Denn all diese hilflosen Menschen brauchen schließlich unsere Unterstützung – immer und überall. Oder etwa nicht?

Fakt ist:

Viele Menschen mit Behinderung leben ihr Leben ganz selbständig und unabhängig – und sind ganz und gar nicht hilflos. Das heißt zwar nicht, dass sie nie Unterstützung benötigen, der Punkt ist aber: Sie entscheiden selbst wann und welche Hilfe sie in Anspruch nehmen möchten. Ungefragt Hilfe zu leisten, wird häufig als übergriffig und anmaßend empfunden. Daher unser Tipp: Erstmal die Situation checken und dann bei tatsächlichem Bedarf Hilfe anbieten. Wenn diese abgelehnt wird, sollte das natürlich akzeptiert werden. 
 

2. Menschen mit Behinderung können nie so glücklich sein wie Menschen ohne Behinderung. 

Ein Leben mit einer körperlichen oder auch geistigen Einschränkung – in der Vorstellung vieler Nichtbehinderter kann ein solches Leben nicht wirklich glücklich sein. Denn hadern Menschen mit einer Behinderung nicht tagtäglich mit ihrem „Schicksal“?

Fakt ist:

Glück ist eine höchst subjektive Empfindung, die von vielen inneren und äußeren Faktoren abhängt. Das gilt für Menschen mit Behinderung genauso wie für Menschen ohne Behinderung. Zu diesen Faktoren gehören zum Beispiel Freunde, Familie, Arbeit, Anerkennung und, und, und… Eine körperliche oder auch geistige Behinderung schränken die Chancen auf Glück nicht ein – wohl aber Barrieren im Alltag und vor allem die Barrieren, die viele Menschen noch in ihren Köpfen haben. Na, fällt euch was auf? Es ist häufig nicht ihre Behinderung, die die Menschen frustriert, sondern die fehlende Inklusion.
 

3. Inklusion ist ein Luxus, um den man sich kümmern kann, wenn alle anderen gesellschaftlichen Probleme gelöst sind.

Inklusion ist ja schön und gut – aber in manchen Bereichen ist der Aufwand einfach zu groß. Unsere ohnehin oft knappen finanziellen und personellen Ressourcen müssen für wichtigere gesellschaftliche Belange eingesetzt werden. Der Wunsch nach Inklusion lässt sich eben nicht immer erfüllen.

Fakt ist:

Inklusion ist kein Wunsch und auch kein gesellschaftliches Zugeständnis an Menschen mit Behinderung – Inklusion ist ein Menschenrecht! Mit der Unterzeichnung und Ratifizierung  der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK)  hat sich Deutschland verpflichtet, für dieses Menschenrecht einzustehen und die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben zu verwirklichen. Kurz gesagt: Die UN-BRK ist geltendes Recht. Inklusion zu begrenzen oder bei größerem Aufwand nicht weiter zu verfolgen, können wir also nicht einfach mit einem „das geht eben nicht“ abtun.
 

4. Inklusion braucht einfach noch mehr Zeit.

Ja klar, Inklusion finden wir gut. Aber bleiben wir doch mal realistisch: Konzepte müssen erstellt und Ressourcen geschaffen werden. Und dann muss das alles ja auch noch umgesetzt werden. Das geht nicht von heute auf morgen.

Fakt ist:

Die Idee der Inklusion gibt es keineswegs erst seit gestern: Bereits im Jahr 1994 wurde der Satz "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden" ins Grundgesetz aufgenommen – ein wichtiger Schritt im Kampf um Gleichberechtigung! Denn dieser eine Satz bildet die Grundlage für alle nachfolgende Gesetze: das Gesetz zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen im Sozialgesetzbuch 9, das Behindertengleichstellungsgesetz oder die Antidiskriminierungsgesetze. Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 sind schließlich auch die verbindlichen Ziele von Inklusion im deutschen Recht verankert. Rechnen wir mal nach: Das alles hat vor über 25 Jahre begonnen! Von „von heute auf morgen“ kann also keine Rede sein.
 

5. Inklusion ist teuer - und wir alle sollen dafür zahlen!

Barrierefreie Busse und Bahnhöfe, Rampen und Behindertentoiletten in öffentlichen Gebäuden oder inklusive Schulen – Inklusion kostet sehr viel Geld. Und dieser ganze Aufwand nur für eine kleine Minderheit!

Fakt ist:

In Deutschland leben insgesamt fast 13 Prozent der Bevölkerung mit einer Behinderung. Das sind über 10 Millionen Menschen! Und Inklusion kommt sogar noch sehr viel mehr Menschen zugute: Eltern mit Kinderwagen freuen sich genauso über barrierefreie Bahnhöfe wie Reisende mit schwerem Gepäck, ältere Menschen oder eben Rollstuhlfahrer*innen. Und das ist nur eines von vielen Beispielen: Unterm Strich ist Barrierefreiheit für 10 Prozent  der Menschen in unserer Gesellschaft dringend notwendig, für 30 Prozent wichtig und für 100 Prozent komfortabel!
 

6. Inklusion? Das ist doch nur ein Thema für Schulen...

Inklusion ist ein neuer, äußerst umstrittener Trend in der Bildung: Kinder mit und ohne Behinderung sollen gemeinsam in Regelschulen lernen. Das interessiert doch nur Familien mit Schulkindern.

Fakt ist:

Es stimmt – der gleichberechtigte Zugang zu unserem Bildungssystem ist ein wichtiger Anspruch von Inklusion. Das schließt übrigens Kitas und Kindergärten genauso mit ein wie Ausbildung und Studium. Bei Inklusion geht’s aber um viel mehr: Alle Menschen sollen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können – und zwar uneingeschränkt! Wir sprechen hier also auch von Bereichen wie Arbeit, Wohnen, Politik, Freizeit, Familie und noch viel mehr – eben alles, was zum Leben dazu gehört.
 

7. Kinder mit Behinderung bremsen das Lerntempo der ganzen Klasse.

Kinder mit einer geistigen Behinderung, Verhaltensauffälligkeiten oder einer Lernschwäche lernen langsamer als nichtbehinderte Kinder und sind irgendwann auch überfordert. Außerdem brauchen sie alle Aufmerksamkeit der Lehrkräfte. Darunter leiden dann auch Lerntempo und Lernerfolg der anderen Schüler*innen.

Fakt ist:

Unterschiedliche Voraussetzungen von Schülerinnen und Schülern in einer Klasse sind für die Leistungsentwicklung nicht entscheidend. Studien  zum Lernerfolg zeigen: Schülerinnen und Schüler ohne Förderbedarf lernen in inklusiven Klassen nicht schlechter, Kinder mit Förderbedarf sogar besser! Tatsächlich lernen die Kinder voneinander – und Berührungsängste oder auch Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung entstehen so gar nicht erst.
 

8. Regelschulen können nicht alle Kinder mit Förderbedarf aufnehmen.

Wenn tatsächlich die Förderschulen abgeschafft werden, wo sollen dann alle diese Kinder hin? Für so viele Kinder mit Behinderung haben die Regelschulen gar nicht genügend Kapazitäten.

Fakt ist:

In Deutschland haben insgesamt etwa 7 Prozent aller Schülerinnen und Schüler Förderbedarf. Dazu zählen Kinder mit einer körperlichen Behinderung genauso wie Kinder mit einer Lernschwäche oder Verhaltensauffälligkeiten. Knapp 40 Prozent dieser Kinder gehen bereits auf eine Regelschule, man spricht hier vom sogenannten Inklusionsanteil. Das heißt: Über die Hälfte werden noch in Förderschulen unterrichtet. Aber auch diese Kinder haben ein Recht auf Inklusion! Du glaubst, das sind zu viele für unsere Regelschulen? Bezogen auf eine Klasse mit 25 Kindern sind das im Durchschnitt lediglich ein bis zwei Schüler*innen mit Förderbedarf!
 

9. Arbeitgeber müssen viel Geld investieren, um ihr Unternehmen barrierefrei zu machen.

Menschen mit Behinderung einzustellen ist für Unternehmen ganz schön aufwändig. Rampen, behindertengerechte Toiletten, besondere Schreibtische und solche Dinge kosten Arbeitnehmer viel Geld.

Fakt ist:

Es gibt viele Fördermöglichkeiten für Arbeitgeber*innen, die Menschen mit Behinderung einstellen. Die Bundesagentur für Arbeit und die Integrationsämter beraten Unternehmen und unterstützen finanziell. Oft helfen auch einfache, wenig kostspielige Lösungen. So oder so, Investitionen in Barrierefreiheit zahlen sich für Unternehmen gleich mehrfach aus: Nicht nur neue Mitarbeiter*innen mit Behinderung auch ältere oder erkrankte Kollegen*innen profitieren und bleiben länger arbeitsfähig. Außerdem: Sozial engagierte Unternehmen sind ein attraktiver Arbeitgeber für alle Fachkräfte – nicht nur für diejenigen mit Behinderung. Und auch Kunden schätzen soziales Engagement und profitieren von barrierefrei zugänglichen Waren und Dienstleistungen.
 

10. Menschen mit Behinderung sind nicht so leistungsfähig – und dann auch noch unkündbar.

Arbeitnehmer*innen mit Behinderung sind aufgrund ihrer Einschränkungen nicht so belastbar wie Menschen ohne Behinderung. Und wenn die Leistung nicht mehr stimmt, müssen sie trotzdem weiter bezahlt werden – sie sind ja unkündbar.

Fakt ist:

Unternehmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, haben ganz andere Erfahrungen gemacht: Im Inklusionsbarometer Arbeit, einer Studie der Aktion Mensch, sehen 78 Prozent der befragten Arbeitgeber*innen keine Leistungsunterschiede zwischen Beschäftigten mit und ohne Behinderung. Es gibt also offenbar selten einen Grund zur Kündigung. Sollte dies aber doch mal der Fall sein, können – sofern nachweislich berechtigt – auch Mitarbeiter mit Behinderung gekündigt werden. In 75 Prozent der Fälle stimmt das Integrationsamt einer Kündigung zu.
 

11. Menschen mit Behinderung können keine Familie gründen bzw. sich nicht um ihre Kinder kümmern.

Familie und Kinder trotz Behinderung? Eltern müssen sich um ihre Kinder kümmern können – immer und jederzeit. Menschen mit Behinderung sind selbst auf Hilfe angewiesen. Wie sollen sie da Verantwortung für ein Kind tragen?

Fakt ist:

Menschen mit Behinderung haben genauso ein Recht darauf, eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen, wie alle anderen Menschen auch. Inklusion bedeutet auch, werdende Mütter und Väter mit einer Behinderung bei ihrem Wunsch nach einer Familie zu unterstützen. Für Eltern mit Behinderung gibt es zum Beispiel die Möglichkeit eine Elternassistenz zu beantragen. Auf der Seite www.behinderte-eltern.de erfährst du mehr.