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Pressemitteilung vom 04.10.2020

Zum dritten Tag des Oktobers 2020

„Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.“  Heinrich Heine

Das Resultat kennen wir. Was der Tag vor dreißig Jahren gewollt hat, wird allerdings immer unschärfer.

Für den friedlichen Beitritt eines souveränen Staates in den Geltungsbereich der Verfassung eines anderen souveränen Staates gab es kein Beispiel. Noch dazu es in der Verfassung der DDR dafür keine Festlegungen gab, im Grundgesetz der BRD schon. 
Die Wahl des Beitrittes gegenüber anderen Möglichkeiten des Zusammenkommens schloss die Schaffung von etwas Neuem, welches von vielen Menschen in beiden Staaten erhofft wurde, von vornherein aus. Der Ruf „Wir sind das Volk“ brach sich an der Grenze beider Staaten und verhallte wie auch die vielzitierte Forderung von Rosa Luxemburg „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. So kam es wie bei allen Revolutionen dazu, dass „die Revolution ihre Kinder fraß“ Pierre Vergniaud.  Dies erfolgte ohne physische Vernichtung, erst- und einmalig in der Geschichte deutscher und auch anderer Revolutionen, hinterließ aber viele Verlierer. Es gab allerdings auch Gewinner. Letztere in einer Zahl, die etwa dem Verhältnis der Bevölkerung in beiden Staaten entsprach, bezogen auf das ganze Deutschland. Bezogen auf die beigetretene DDR  war die Zahl der Gewinner allerdings verschwindend gering.

Wer große Illusionen weckt, wird viel Enttäuschung ernten.  Die versprochenen blühenden Landschaften und gleichen sozialen Verhältnisse überall in Deutschland sind Beleg dafür.

Es zeugt von der Willenskraft und von einem Freiheitsbegriff der Menschen in Ostdeutschland und einiger auch in Westdeutschland, nicht vergleichbar mit den üblichen  diffusen Formulierungen, sondern klar und deutlich nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel„Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“ , sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Dies war schwierig, denn verlorengegangene Biografien, vernichtete Existenzen, fehlende Anerkennung und sogar Aberkennung von Lebensleistungen und ein völlig neues, dem Individuum huldigendes, Menschenbild  statt dem Verständnis , ein Teil von etwas Größerem zu sein, waren  eine Last, die für Viele im beigetretenen Gebiet eine große, nicht selten zu große Last waren.

So befindet sich Deutschland, wie zumeist in seiner Geschichte, immer noch auf der Suche nach dem, was es eigentlich sein will. Ein stabiles, solidarisches blühendes Land und dem was es ist, ein von Egoismus, Ausgrenzung und Zerrissenheit geprägter Staat.

Es gibt also auch nach dreißig Jahren viel zu tun.

Für uns bedeutet dies, dass wir konsequent , klug und kraftvoll für das eintreten müssen, was die Revolutionäre 1989 gefordert haben, was das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland  so exakt formuliert und was wir als die Basis einer solidarischen Gesellschaft in Deutschland ansehen: Freiheit für Menschen und Gedanken, gleiche Pflichten und Rechte für alle, Wohnung, Arbeit, Daseinsfürsorge ohne Ansehen der Person, der Herkunft, der politischen oder religiösen Orientierung, des Geschlechtes oder sonstiger Unterschiede.

Die Sozialsysteme in Deutschland sind fragile Gebilde und basieren allein auf einer erfolgreichen Wirtschaft unseres Landes. Insofern sind sie vielen Begehrlichkeiten ausgesetzt und es besteht die dauernde Notwendigkeit, die sozialen Leistungen, die das Grundgesetz garantiert, abzufordern und weiterzuentwickeln.

Dieser Aufgabe hat sich der Sozialverband Deutschland seit nunmehr 30 Jahren auch in den beigetretenen Ländern verschrieben.

1990 gründete sich der Reichsbund auch in M-V wieder. Damals lebten noch Menschen, die bereits Mitglied waren, bevor diese Organisation durch Selbstauflösung einem Verbot im Dritten Reich zuvorkam. Sie waren mit den Idealen, den Zielen und der Kraft einer solch großen Vereinigung vertraut und übernahmen die wichtige Aufbauarbeit. Sie halfen denen, die mit den Folgen des Beitrittsgeschehens überfordert waren, sich im Gewirr der Sozialsysteme, wie sie in der BRD bestanden, einigermaßen zurechtzufinden und Ansprüche zu formulieren und auch durchzusetzen, die ihnen als Bürger im Geltungsbereich des deutschen Grundgesetzes verbrieft waren. Es lebten noch die Kriegsveteranen, die nichts sehnlichster wünschten, als das Erlebte nicht noch einmal erleben zu müssen. Unser Freund Ulrich Haesner aus Schwerin gehört dazu.

Unterstützung kam von Reichsbund-Bundesverband und aus westdeutschen Landesverbänden. Viele tausende Frauen und Männer aus Mecklenburg-Vorpommern bildeten so eine stabile Gemeinschaft, deren Stimme politisches Gewicht hatte und ohne die es wichtige sozialpolitische Gesetze und Verordnungen in Mecklenburg-Vorpommern nicht gegeben hätte.

Der gesellschaftliche Wandel in ganz Deutschland zeigte sich auch im Verband. 2000 wechselte er Logo und Namen und firmiert seitdem als moderner erfolgreicher Dienstleistungsverband. Diese Wandlung wurde nicht von allen begrüßt, wie auch nicht der erneute Logowechsel im Jahr 2019.

Dennoch gelang es den ehrenamtlichen Aktivisten im „Küsten -Verband“ gemeinsam mit außerordentlich engagierten hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das „Schiff SoVD in M-V“ auf Kurs zu halten und immer für eine „Handbreit Wasser unter dem Kiel“ zu sorgen.

Unser Landesverband hat sich besondere Anerkennung erworben in seiner kompromisslosen positiven Positionierung zum gesellschaftlichen Modell der Inklusion. Unsere Mitglieder fanden und finden in der angestrebten inklusiven Gesellschaft Vieles von dem wieder, was sie selbst gelernt und mitgestaltet hatten bzw. was ihnen darüber von Eltern und Großeltern erzählt worden war. Späte Wiedergutmachung für die Einen, optimistischer Ausblick in eine solidarische Zukunft für die Anderen. Außerhalb des SoVD ist es derzeit etwas ruhig geworden um dieses Projekt Inklusion. Wir stehen dazu. Wir halten Inklusion für notwendig und richtig. Wir halten sie für viel wichtiger als die vielen kleinen und großen Einzelaktionen von Betroffenen oder Gruppen. Gelingt es uns Inklusion als Gesellschaftsmodell durchzusetzen, werden viele Ungleichheiten, Diffamierungen, Diskriminierungen, Ungleichbehandlungen usw. verschwinden. Wir konzentrieren unsere Kraft auf das Große und verzetteln uns nicht in Einzelaktionismus.

Gedanken am dritten Tag des Oktobers im Jahr 2020: Seien wir optimistisch, konzentrieren wir uns auf das Wesentliche, glauben wir an unsere Kraft, seien wir überzeugt von dem, was wir tun.

Wie viele unserer Mitglieder habe ich an diesem Tag gearbeitet und Wichtiges für meine Patienten getan. Mein Beruf kennt keine arbeitsfreien Tage. Auch unsere Mitglieder im Bereich des Gesundheitswesens, des Verkehrswesens, der Polizei, der Gastronomie, der Call-Center, im Reinigungsgewerbe, in handwerklichen Bereitschaftsdiensten, in der Nahrungsmittelproduktion, in der Landwirtschaft und sonst überall sind voller Verantwortung ihrer Arbeit nachgegangen und haben Gutes getan. Sie haben dabei sicherlich auch an die Bedeutung dieses Tages gedacht.  Wir alle haben es mit Berthold Brecht in „Die Teppichweber von Kujan-Bulak“ gehalten: „So nützten sie sich, indem sie ihn ehrten und ehrten ihn, indem sie sich nützten, und hatten ihn also verstanden.“

So schauen wir alle in unserem Verband,  wie auch die mit uns freundschaftlich verbundenen Organisationen und Verbände, zwar mit Sorge aber nicht verzagt in eine Zukunft unserer Sozialsysteme, die unsicher aber nicht verzweifelt ist.

Der Verband und seine Aufgaben spiegeln die deutsche Wirklichkeit 30 Jahre nach dem Beitritt mit all ihren Verwerfungen und Unwägbarkeiten aber auch mit den Möglichkeiten und Chancen für eine inkludierende Sozialpolitik in Deutschland und auch in Europa.

Dr. med. Helmhold Seidlein 
SoVD - Landesvorsitzender Mecklenburg - Vorpommern