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Pressemitteilung 05.12.2020

Ehrenamt ohne Hauptamt - das geht gar nicht!

5. Dezember 2020 - Heute ist der Tag des Ehrenamtes und des Hauptamtes!

Es mag Zufall sein, dass ebenfalls heute in Holland und morgen in Deutschland dienstbare Geister, der schwarze Piet, Helfer des Heiligen Nikolaus in Holland und der Nikolaus mit seinem Helfer, Knecht Ruprecht, Gaben bringen. Der eine offen gemeinsam mit dem Nikolaus, der andere allein des Nachts und auch nur dann, wenn geputzte Schuhe vor der Tür stehen. Im Zeitalter von primark wissen wohl viele gar nicht mehr, was Schuhe zu putzen bedeutet. 
Damit die Kinder nicht traurig sind, wenn die ungeputzten Schuhe leer sind, gar schwermütig werden und zum Psychologen müssen, legen besorgte Eltern Hand an und putzen die Schuhe die lieben Kleinen selbst und füllen sie reichlich – nicht nur mit Leckereien.

Die Zeiten sind seltsam und so ist es auch mit dem Ehrenamt. Je weniger Menschen sich finden, die diese Ehre als Ehre empfinden, weil sie doch vielfach das tun müssen, was andere, die dafür ausgebildet und per Arbeitsvertrag verpflichtet sind und dafür auch entlohnt werden, eben nicht erledigen.

Mit der Ehre ist das so eine Sache. Es galt einmal „Viel Feind, viel Ehr“. Hat nichts gebracht, zerriss Völker, Familien und Kontinente. „Viel Freund, viel Ehr“ ist es aber auch nicht, wie die Coronakrise zeigt. Viele Freunde rufen aus allen Ecken positives über die an der Coronafront Kämpfenden. Wenn die dann schauen, was nach dem Wortschwall kommt, bleib meist Enttäuschung. Nicht für alle. Mitarbeiter der Landesregierung, Mitarbeiter der Bundespolitiker erhalten einen Corona-Bonus. Wofür? Ein Schelm, wer da an den „Buschzuschlag“ für zweitklassige Berater und Manager denkt in den ersten Jahren nach 1989.

Über 22 Millionen Ehrenamtler soll es in Deutschland geben. Wer hat da nachgezählt oder zumindest gefragt, wie viele von denen allein aus Verbundenheit mit irgendetwas dabeigeblieben sind. Die Coronabewährung reißt große Lücken in diese Zahl. Ehrenamt nur theoretisch oder per Video oder App oder mit sonstigen elektronischen Möglichkeiten, die aber Vielen gar nicht zur Verfügung stehen und auch nicht zur Verfügung gestellt werden von denen, die das Ehrenamt wieder und wieder durch Sonntags-, nein, in diesem Jahr Sonnabendreden beglücken.

Nein, das Ehrenamt wird nicht untergehen.  Es ist ein unverzichtbarer Teil unseres solidarischen Miteinanders, unserer Kultur in diesem Land. Untergehen muss aber der Glauben daran, dass es Ehrenamt zum Nulltarif geben wird, künftighin. In zu vielen Organisationen hat sich eine Nehmermentalität entwickelt. Es ist schmerzhaft, wenn Beispiele öffentlich werden.

Für die Vielen, die ihre Kraft, ihre Leidenschaft, oft ihre Gesundheit und auch ihr Geld in das Ehrenamt investieren, teilweise jahrzehntelang, muss mehr viel mehr getan werden. Öffentliche Belobigungen und sei es durch den Bundespräsidenten, helfen an der Basis nicht. Da, wo Ehrenamt gefragt ist, muss ihm im Jahre 2020 das notwendige technische Knowhow zur Verfügung gestellt werden. Dies ist mittlerweile so umfangreich und finanziell anspruchsvoll, dass es weder aus Mitgliederspenden noch aus Mitgliederbeiträgen finanziert werden kann. Wenn wir das Ehrenamt wollen, dann müssen wir es, ebenso wie Gesundheitseinrichtungen, Schulen usw. aus Steuermitteln mit Hard- und Software ausstatten. 
Das Ehrenamt muss dabei vom motivierten Hauptamt begleitet werden. Die komplexen Strukturen in unserer Gesellschaft, Politik, Kultur, Sport, Finanzen, sind vom Ehrenamt weder zu durchschauen noch erfolgreich anzuwenden. Fachkenntnis und Erfahrung sind erforderlich. Die hat nur das Hauptamt.

Auch das Hauptamt ist nicht zum Nulltarif zu bekommen. Die Mitgliederbeiträge reichen nicht aus, um das Hauptamt qualifizierungsgerecht zu entlohnen, noch dazu Verbände und Organisationen ebenso am drastischen Mitgliederschwund leiden wie Parteien und Kirchen.

Aber wie nun weiter?

Wir können auf das Ehrenamt nicht verzichten. Aber das Ehrenamt muss uns auch wert sein.

So bleibt am heutigen Tag des Ehrenamtes, am Tag des schwarzen Piet und am Vortag des Nikolaus, den Wunsch auszusprechen, dass diejenigen, die jetzt mit Lust und Freude im Ehrenamt arbeiten, weiterhin die nötige Kraft und Bereitschaft aufbringen und, dass diejenigen, die noch  skeptisch und beobachtend abseits stehen, sich aber bereits mit der Aufnahme einer ehrenamtlichen Tätigkeit befasst haben, den Mut finden, sich zu engagieren.

Weiter wünschen wir uns, dass die Hauptamtler nicht den Verlockungen zum Wechsel in anscheinend lukrativere Tätigkeiten erliegen. Sie können gewiss sein, dass die Ehrenamtler um die Bedeutung des Hauptamtes wissen und alles daran setzen, dass das Hauptamt eine gleichwertige Tätigkeit für Juristen und Verwaltungsfachleute wird im Vergleich zu solchen Tätigkeiten im öffentlichen Dienst oder in der Privatwirtschaft.

Wir im SoVD – Landesverband Mecklenburg-Vorpommern werden dieses Thema, wie bisher schon, mit der Politik diskutieren und sie ermuntern im Land und im Bundesrat mehr Aufmerksamkeit dafür zu fordern als bisher.

Das Ehrenamt ist kein privates Vergnügen, es ist eine Basis unserer Gesellschaft.

Dank an alle, die in der Vergangenheit, in der jetzigen Coronazeit und auch künftig ehrenamtlich und hauptamtlich tätig sein wollen und es auch sind.

 

Dr. med. Helmhold Seidlein 
SoVD – Landesvorsitzender Mecklenburg-Vorpommern