PM vom 23.04.2009

Geriatrische Rehabilitation aus Sicht der Patienten Welche Erwartungen haben Patienten an die geriatrische Rehabilitation?

Nicht jeder ältere Patient ist gleichzeitig ein geriatrischer Patient.

Von einem geriatrischen Patient wird gesprochen, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

 

  • höheres Lebensalter - in der Regel 70 Jahre und älter
  • geriatrietypische Multimorbidität, d.h. es müssen mindestens zwei behandlungsbedürftige Krankheiten vorliegen.

Eine geriatrietypische Multimorbidität ist eine Kombination von Schädigungen und Fähigkeitsstörungen unterschiedlicher Art, wie z. B. Immobilität, Sturzneigung oder Schwindel, kognitive Defizite, (Harn-)Inkontinenz, Depression, Angststörung, chronische Schmerzen, Gebrechlichkeit, starke Sehbehinderung oder ausgeprägte Schwerhörigkeit, Verlust sozialer Kompetenz.

Geriatrische Patienten nehmen oft mehrere Medikamente und bedürfen häufiger akutstationärer Betreuung.

Viele dieser Patienten müssen aufgrund ihrer Multimorbidität und Komplikationen der Krankheiten nach akutmedizinischer Behandlung und Überwachung rehabilitativ behandelt werden. Je früher dabei die Rehabilitation beginnt, desto besser sind die Erfolgschancen.

Folgende Ereignisse Krankheiten/Unfälle können typischerweise eine geriatrische Rehabilitation erfordern:

  • Schlaganfall
  • Frakturen
  • operative Versorgungen
  • Gliedmaßenamputation bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit oder diabetischem Gefäßleiden.
  • Durchgangssyndrom
  • akute Psychose

Aufgrund der Vielschichtigkeit der geriatrischen Symptome und der Folge von Akutereignissen/Operationen sind an die geriatrische Rehabilitation sehr hohe qualitative Anforderungen zu stellen.

 

Insbesondere betagte Menschen kommen mit der Eile und Geschwindigkeit des Akutkrankenhauses kaum zurecht.

Neben den eigentlichen Folgen akuten Ereignisses leiden viele Betroffene unter Anpassungsschwierigkeiten (durch z. B. den veränderten Tagesablauf, dem ständig wechselnden Pflegepersonal und fremde Räumlichkeiten) und sie sind kognitiv eingeschränkt.

Im akutstationären Aufenthalt beginnt für viele alte und sehr alte Patienten eine Zeit der Ungewissheit, der sie im Gegensatz zu nicht geriatrischen Patienten aber kein eigenes tragfähiges Bewältigungskonzept entgegenstellen können. Die Patienten und die ihnen nahe stehenden Personen stellen sich häufig die Frage, ob der Betroffene „noch mal auf die Beine“ kommt. Daher sind die frühzeitige Auseinandersetzung mit Problemen der poststationären und postrehabilitativen Lebensgestaltung und –führung und die Realisierung einer geriatrischen Rehabilitation im Interesse aller Beteiligten.

Zu fordern ist eine wohnortnahe Rehabilitation, unabhängig davon, ob diese stationär in einer geriatrischen Rehabilitationsklinik, teilstationär in einer Tagesklinik oder in einer ambulanten geriatrischen Einrichtung erfolgt. In manchen Fällen kann auch die mobile geriatrische Rehabilitation notwendig werden. Daher sind flächendeckende und vielschichtige Angebote besonders wichtig.

 

Die geriatrische Rehabilitation muss sich nach den individuellen Krankheiten/Unfällen Ansprüchen geriatrischer Syndromen, und nach den durchlittenen Ereignissen/Operationen richten und somit differenzierte Maßnahmen umfassen.

Hierzu gehören u. a.:

 

  • die kontinuierliche ärztliche Diagnostik und Behandlung,  
  • die schwerpunktmäßig aktivierend-therapeutische Pflege
  • Physio- und Ergotherapie, Logopädie, Hilfsmitteltraining
  • neurologische, psychologische und psychotherapeutische Behandlung sowie
  • soziale Beratung, die auch Angehörigenberatung, diagnostische Hausbesuche, Hilfsmittelberatung und  –versorgung, Sozialarbeit und Übergangsbetreuung mit einschließt.

Bei vielen Betroffenen steht die Angst vor Bettlägerigkeit, bzw. Pflegebedürftigkeit im Vordergrund. Die Furcht anderen zur Last zu fallen, die Privatsphäre zu verlieren, die Angst vor unerträglichen Schmerzen, die Sorge vor dem Alleinsein wird von den Betroffenen fast genauso oft erwähnt.

Das Ziel der geriatrischen Rehabilitation ist das Erreichen oder das Erhalten einer größtmöglichen Selbstständigkeit, trotz Erkrankungen und physischen und psychischen Einschränkungen. Durch eine bedarfsorientierte Rehabilitation kann häufig nicht nur tatsächlich die Pflegebedürftigkeit vermieden bzw. reduziert werden, sondern auch das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl der Betroffenen gestärkt werden.

Eine wichtige Phase der geriatrischen Rehabilitation ist die Planung der Entlassung aus stationären Einrichtungen und die dauerhafte Übergabe in ein dem Einzelfall angepasstes soziales Umfeld sowie die damit verbundene Bewältigung des Alltags.

Betroffene benötigen nach einer geriatrischen Rehabilitation auch vielfach die Bereitstellung eines sozialen Netzes, das die medizinisch-therapeutische, pflegerische und hauswirtschaftliche Versorgung der Patienten zu Hause weiter gewährleistet.

 Daher sind die ganzheitliche Sicht auf einen Patienten, die Förderung oder Wiederverwendung seiner physischen und psychischen Ressourcen und seine gezielte Unterstützung in jeder Phase der Rehabilitation notwendig. Aufgrund der Vielschichtigkeit der geriatrischen Symptome, der Unterschiedlichkeit der Ereignisse und der Verschiedenheit der sozialen Situation, bedarf er also nicht nur medizinischer und therapeutischer Versorgung, sondern auch psychologischer und sozialer Unterstützung.

Auch in hohem Alter ist das Ziel aller Bemühungen die Förderung von körperlicher und seelischer Unabhängigkeit. Geriatrische Patienten haben durchaus die Hoffnung wieder in die Lage versetzt zu werden, ein selbst bestimmtes Leben in ihrer gewohnten Umgebung zu führen und gute Lebensqualität trotz eingeschränkter Ressourcen zu erlangen - Denn Lebensqualität ist nicht altersabhängig!