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Corona und wir

Soziale Distanz (A. Merkel), „Social  Distancing", ist kein Aufruf zur totalen Abkapselung und gesellschaftlichen Vereinsamung!

Ein Virus, lange bekannt, nun in einem größeren Umfange krankmachend, bringt das öffentliche Leben fast zum Erliegen, Raubtierinstinkte regen sich, Selbsterhaltungstriebe werden enthemmt, es wird gehamstert, es kommt zu Panik.  

Ob damit unser Deutschland im Ausnahmezustand ist, oder „nur“ in einer schwierigen gesamtgesellschaftlichen Situation, wird erst rückblickend entschieden werden können.

Klar ist, die meisten Bürgerinnen und Bürger unseres Landes haben so etwas noch nicht erlebt. Unsere Großeltern könnten darüber berichten, über Krieg, Hunger, Vertreibung und mehr. Ihre Leistung wird jetzt hoffentlich Vielen endlich deutlich und ihnen möglicherweise die Schamröte in das Gesicht steigen lassen, wenn sie an Forderungen denken, die sie an die Gesellschaft gerichtet haben, und wofür sie oft nicht willens waren, eigene wesentliche Leistungen zu erbringen. Vergessen wurde vielmals, daß vor der Berufung auf ein Recht immer erst die Erfüllung einer Pflicht stehen muss.

Und hoffentlich werden die Propagandisten eines Generationenkonfliktes, „weil Alte auf Kosten von Jungen leben“, die Unsinnigkeit ihrer Behauptung begreifen.

Um die Epidemie in den Griff zu bekommen, werden Beschlüsse gefasst, Maßnahmen empfohlen und viel Zeit in Talkshows verbraucht.

Händewaschen, Homeoffice werden empfohlen. Hamsterkäufe soll man lassen. „Social Distancing" wird als wichtig dargestellt, dabei häufig aber falsch interpretiert.

Es soll ja in keiner Weise auf das soziale Miteinander, sondern auf die körperliche Nähe verzichtet werden. Angela Merkel umschrieb diese Taktik der „Abkapselung als sozialer Akt“ als „scheinbar paradoxe Sache". 

Die Bundeskanzlerin meinte, dass man den Corona-Risikogruppen am besten helfe, „wenn soziale Kontakte soweit wie möglich gemieden" würden. Doch so radikal unsozial darf unsere Gesellschaft nicht handeln.

Gerade in einer solchen Krisensituation kommt es darauf an, alle Mitmenschen und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und zu ihnen die sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten bzw. zu knüpfen. 

Es geht also nicht um eine soziale Distanz, nicht um „Social Distancing", sondern um eine Abstandwahrung körperlicher Art, also um „Physical Distancing".

Dies macht das sich Begegnen beim Einkauf, beim Spazierengehen, beim Ausführen des Hundes oder beim Schieben eines Kinderwagens immer möglich. 

Das Gebot der Stunde kann also nicht soziale Abschottung heißen, sondern Solidarität. Es ist so, daß diejenigen, die am meisten Schutz brauchen, kleine Kinder, mehrfach Erkrankte, Alte zwar am wenigsten körperliche Nähe erhalten sollen, allein gelassen werden dürfen sie aber in keinem Fall.

Hilfeleistungen und soziale Kontakte sind nicht unmöglich gemacht. Zahlreiche Nachbarschaftsaktionen müssen sein. Allerdings, nicht eine sinnfreie „Corona-Party", ein Tanzen auf dem Vulkan, ist wichtig, sondern die Überlegung und praktische Umsetzung, wie man sich unter den gegebenen Bedingungen gesellschaftlich, solidarisch, einbringen kann. 

Das ist - ganz körperlich distanziert - per Telefon, Videochat, Mail oder Post möglich.  Gerade Menschen, die tatsächlich vorübergehend isoliert leben müssen, werden für diese Kontakte dankbar sein: Vereinsamung ist Folge unsolidarischer Barbarei und ist keine gute Grundlage für das sich Wiederfinden der Gesellschaft nach dieser Krise.

Es kommt in diesen Tagen darauf an, mit Herz, Vernunft und Menschlichkeit - trotz des „Social Distancing"- solidarisch zu handeln. Fangen Sie beispielsweise mit einer Nachricht im von vielen gefürchteten Freundes- oder Familienchat bei WhatsApp an. 
 

Dr. med. Helmhold Seidlein

Greifswald

Quelle: Blitz Mecklenburg-Vorpommern 21.03.2020