Pressemitteilung vom 08.11.2018

Bildung Chancen für Mädchen und Frauen in Aus- und Weiterbildung

Bildung ist Menschenrecht.

In allen UN - Konventionen, die in irgendeiner Weise zur Entwicklung persönlicher und kultureller Identität Bezug nehmen, ist dieses Recht verankert, in der allgemeinen Menschenrechtskonvention, in der Kinderrechtskonvention, in der Behindertenrechtskonvention, in Konventionen, die sich mit den Rechten von Frauen befassen u.s.w..

Die Umsetzung dieses Rechtes auf Bildung als Grundlage  jeglicher Teilhabe ist weltweit unterschiedlich und kulturell geprägt. Die Vorstellungen, was  an Wissen vermittelt werden muß und in welcher Form, sind nicht gleich. Wem, in welchem Alter und bei welchem Geschlecht Zugang zu Bildung gegeben werden soll, darüber gibt es keine einheitliche Meinung. Historisch  gewachsene  Vorstellungen und Bildungsstrukturen prägen die Bildungslandschaft rund um den Erdball. Selbst da, wo der Nutzen eines einheitlichen Bildungsstandards längst klar ist, auch hier in Deutschland, finden sich ganz unterschiedliche  Meinungen  zum wann wie wo und was. Die vorgebliche Bildungshoheit der deutschen   Bundesländer  / Bildungsländer schlägt seltsame Kapriolen.

Chancengleichheit in der Bildung ist in Deutschland noch längst nicht geben. Immer noch bestimmen der Wohnort, der soziale Status der Eltern und zunehmend auch die Kuturkreisherkunft die Art, Weise und den Umfang der Bildung und damit den Zugang zu Weiterbildung, Arbeitsmarkt, allgemeiner Teilhabe und beruflichem Fortkommen  und somit auch den Platz in der Gesellschaft im Ausbildungszeitraum, im Erwerbsleben und in der Nacherwerbslebensphase.

Forderungen nach chancengleicher Bildung für alle werden immer wieder erhoben und auch der SoVD erhebt da laut seine Stimme. Im Sinne der internationalen Solidarität kann dies aber nur eine allgemeine Forderung  nach Umsetzung des Rechtes auf Bildung sein. Die Ausgestaltung der Bildungsformen dürfen wir niemandem vorgeben Unsere historischen Erfahrungen und kulturellen Prägungen sind nicht übertragbar, ja sie können dort sogar hinderlich sein, wo Schritt für Schritt Bildung für alle Bürgerinnen und Bürger eines Staatsgebietes erst aufgebaut wird. Logistische Unterstützung, Zurverfügungstellung indifferenter Lehr- und Lernmittel, dies können wir leisten.

In Deutschland selbst scheint alles gut geregelt : Gleichheit der Geschlechter, Gleichheit aller Lebensentwürfe u.s.w..

Aber das ist nur der Schein:

Noch gibt es keine durchgängige inclusive Bildung in ganz Deutschland, ja, da wo sie schon weit entwickelt ist,  beginnt an manchen Stellen schon der Rückbau.

Noch gibt es keinen einheitlich kostenlosen Zugang zu frühkindlicher Bildung in Krippe und Kindergarten.

Noch gib es keine den soziale Zusammenhalt der Gesellschaft tatsächlich fördernde „Eine Schule für alle“. Zu viele Schulträger sind unterwegs, zu oft  können Eltern für ihre Kinder bessere Bildungsmöglichkeiten in Privatschulen kaufen, sammeln sich in konfessionell gebunden Schulen gesundheitlich beeinträchtigte Schülerinnen und Schüler ohne jeglichen inclusiven Ansatz.

Entsprechend können die Chancen bei der Suche nach einem erfüllenden Ausbildungsplatz nicht gleich sein und somit auch nicht die Chancen nach beruflichem Fortkommen und sozialem Status im Erwerbsleben, womit  aber auch schon  Chancengleichheit für die Nacherwerbslebenszeit ausgeschlossen wird.

In den letzten 10 bis 15 Jahren wurden viele , auch erfolgreiche, Anstrengungen unternommen,  nicht nur das Menschenrecht auf Bildung in Deutschland weiter mit Leben zu erfüllen, was allerdings nicht schwierig war, da  das Recht auf Schulbildung  als allgemeine Schulpflicht schon eine gesellschaftliche Errungenschaft des 19. Jahrhunderts ist nur eben in keinster Weise chancengleich, dies ebenfalls schon seit dem 19. Jahrhundert.

Die Herausforderungen liegen derzeit vielfach darin, Schülerinnen und Schülern, aber auch Eltern zu vermitteln, daß es eben eine Pflicht zur Bildung gibt und zwar lebenslang. Die staatlichen Strukturen geben die  Strukturen vor, die Pflicht sie auszufüllen liegt bei den Eltern oder im Erwachsenenalter bei allen.  Die sehr große Zahl von kulturell unterschiedlich geprägten Elternhäusern schafft hier Probleme. Viele Menschen, die zu uns kommen, kennen weder das Recht auf Bildung in der uns geläufigen Form noch kennen sie eine Schul- bzw. Bildungspflicht, ohne deren Wahrnehmung aber eine Integration unmöglich ist, weder eine Inclusive der Eltern noch eine der Kinder.

Einziger Ausweg ist die Verdeutlichung dieser Pflicht, ggf. auch unter Hinweis auf mögliche Sanktionen, hier sind die Niederlande ein gutes erfolgreiches Beispiel, und die gemeinsame Bildung von Kindern und Erwachsenen, gleich welcher Herkunft. Nur dann kann Inclsuion als neues Gesellschaftsmodell gelingen. Schulklassen und Ausbildungsgruppen, die praktisch in kulturell geschlossener Form nach Herkunft stattfinden, sind dem Integrations- und Inclusionsgedanken völlig entgegenstehend.

Chancengleiche Bildung als Menschenrecht auch für Frauen im 100. Jahr, in dem in Deutschland Frauen das aktive und passive Wahlrecht haben, ist in Deutschland immer noch nicht durchgesetzt.

Während in den Kindergärten die Mädchen an Zahl überwiegen, ändert sich dies in der Hortbetreuung.

Der Zugang zum Gymnasium wird von mehr Mädchen gesucht als von Jungen, das nachfolgende Studium nehmen dann aber mehr männliche als weibliche Studenten auf. Die Abbruchquote ist bei Studentinnen höher als bei Studenten, die Suche nach einem Arbeitsplatz nach dem Studium gestaltet sich für Absolventinnen  weitaus schwieriger als für Absolventen insbesondere in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen.

Von den an den Hochschulen verbleibenden  Absolventen gelingt es Männern leichter die akademische Leiter zu erklimmen, sich zu habilitieren und leitende Positionen einzunehmen.

Auf allen Ebenen der Karriere müssen Frauen mit einer geringeren Entlohnung rechnen.

In Berufen, die ganz besonders weiblich dominiert sind, wie z.B. die Altenpflege, kommt erschwerend hinzu, daß die Auszubildenden Ausbildungsbeiträge entrichten müssen und nicht wie in anderen Berufen eine Ausbildungsvergütung erhalten. Hier wird 2020 deutschlandweit Abhilfe geschaffen, in Mecklenburg - Vorpommern bereits 2019.

Die Gründe für die offensichtliche Benachteiligung von Frauen liegen ganz besonders im gesellschaftlichen Konsens über die Rolle und die Fähigkeiten  der Frau. In den beiden letzten Jahrzehnten wird dieses Phänomen dadurch verstärkt, daß nunmehr schon 25 Prozent der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben und davon etwa die Hälfte aus Ländern kommt, in denen die Aufgaben, Funktionen und Stellungen der Frauen durch die Gesellschaft ganz anders definiert sind als in Deutschland. Im Herkunftsland stellt dies nicht zwingend eine tatsächliche Benachteiligung dar in unserem Land schon.  Zu vermitteln, daß unsere Gesellschaft andere Wertevorstellungen  hat ,und daß Frauen in Deutschland eine  niemals in Frage zu stellende Gleichstellung mit Männern in allen gesellschaftlichen und familiären Angelegenheiten besitzen, dies ist nicht ausreichend gelungen.

Bildung erfolgt lebenslang. Den meisten Männern ist dies im Beruf oder parallel dazu problemlos möglich. Bei vielen Frauen brechen die Berufskarrieren durch Kindererziehung und Pflege von Angehörigen. Viel politische Kraft wurde investiert, um hier Abhilfe zu schaffen. Die Bilanz ist durchaus lesenswert. Nachdem zunächst eine Anerkennung der Leistungen in der Pflege durch Rentenpunkte und auch durch Urlaubsansprüche  teilweise gewürdigt wurden, sorgte die sogen. Mütterrente für einen Ansatz zur Würdigung der nicht hoch genug einzuschätzenden Leistungen von Frauen durch Geburt und Kindererziehung.

Teilzeitregelungen, Recht auf Rückkehr an den angestammten Arbeitsplatz nach zeitweiliger Abwesenheit aus den genannten Gründen, all dies sind positive Entwicklungen. Sie haben aber leider keinerlei Auswirkungen auf den Bildungsstand und die Aktualisierung des Wissens, der Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kernkompetenzen und Schlüsselqualifikationen betroffener Frauen.

Viele weitere Beispiele , wie die über zwei Millionen Analphabeten in Deutschland, könnten angeführt werden, die belegen, daß das Recht auf Bildung, die Verpflichtung des Staates zur Aus- und Weiterbildung aller seiner Bürger, noch längst nicht  für alle umgesetzt wird, obwohl die materiellen Ressourcen dafür vorhanden sind.

Der Sozialverband Deutschland hat schon immer auf diese Diskriminierung der Mädchen und Frauen in der Aus- und Weiterbildung im Bildungsland Deutschland hingewiesen. Die meisten der genannten positiven Entwicklungen gehen auf Initiativen unseres Verbandes zurück.

Aber nun ist es an der Zeit , einen gesellschaftlichen Prozess anzustoßen, der dieser nicht hinnehmbaren  Benachteiligung ein Ende setzt:

 

       Mädchen und Frauen müssen zu allen Bildungsmöglichkeiten und Bildungseinrichtungen den gleichen Zugang haben wie Jungen und Männer.

       Ein durchgängig einheitliches Schulsystem in Deutschland mit Möglichkeiten, besondere Begabungen gezielt zu entwickeln und besondere Benachteiligungen vollständig auszugleichen, muß aufgebaut werden.

       Schulpflicht muß vom Staat durchgesetzt werden.

       Kurse, Zusatzqualifizierungen, besondere Ausbildungen für die Frauen und Männer Bedarf haben ,müssen als inclusive Maßnahmen gestaltet werden. Jede andere Form führt in dieser oder jener Weise zur Separation oder gar Exclusion.

       Für Erstausbildungen, gleich ob im Beruf oder im Studium, dürfen keine Kosten erhoben werden.

       Frauen in besonderen Lebenssituationen müssen  während Freistellung von oder Unterbrechung der Erwerbstätigkeit Gelegenheit erhalten, sich kostenfrei weiterzubilden, um für eine spätere Rückkehr an den angestammten Arbeitsplatz gut vorbereitet zu sein.

       Frauen mit Behinderungen müssen die gleichen Chancen haben wie Frauen ohne solche. Ein besonderer Unterstützungs- bzw. Hilfebedarf muß ausgeglichen werden.

  

Diese und weitere Forderungen werden in das neue Sozialpolitische Programm des SoVD 2019 einfließen. Die Frauen im Verband werden alle ihre Kraft einbringen, sie umzusetzen.

 

 

Erika Kannenberg