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SoVD weist auf mögliche Folgen der Freigabe von Rezeptbelieferungen über Internetapotheken

SEIDLEIN: Herr Dr. Engel, sie sind Krankenhausapotheker und Präsident der Apothekerkammer Mecklenburg-Vorpommern. Wie kommt man als Krankenhausapotheker zu solch einem Amt, wo doch die Krankenhausapotheker nur einen Bruchteil der Mitglieder einer Kammer ausmachen?

ENGEL: Es war tatsächlich eine kleine Sensation, als ich gewählt worden bin. Soweit ich weiß, bin ich der erste Krankenhausapotheker, dem diese Ehre zuteil wurde. Aber  - das möchte ich ausdrücklich betonen – öffentliche Apotheke und Krankenhausapotheke haben beide die Aufgabe, die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln sicherzustellen. Diese Aufgabe stellt sie vor vergleichbare Probleme.

SEIDLEIN: Welche Probleme haben die Apotheken heute?

ENGEL: Im täglichen Leben haben beide Apotheken mit den Lieferschwierigkeiten der Pharmazeutischen Industrie zu kämpfen. Bei den öffentlichen Apotheken kommt noch das Engagement für die Umsetzung der Rabattverträge der Krankenkassen dazu. Selbstverständlich bedeutet es einen enormen Aufwand, den Patienten die Umstellung ihrer Medikation zu erklären. Am wichtigsten sind aber heute die Risiken für die Apotheken und die Versorgung der Bevölkerung, gerade in strukturschwachen Regionen, als Konsequenz des Urteils des Europäischen Gerichtshofs vom 19. Oktober 2016. Der EuGH hat ja leider festgestellt, dass die Arzneimittelpreisverordnung, die einen einheitlichen Preis für Arzneimittel sichert, für ausländische   Versandapotheken nicht gilt. In der Begründung des Urteils ist zu lesen, dass die ausländischen Versandapotheken einem Qualitätswettbewerb nicht standhalten können und deshalb die Möglichkeit haben müssen, durch Dumpingpreise attraktiv zu werden.

SEIDLEIN: Inwiefern ist das kritisch für die Apotheken vor Ort? Ein oder zwei Euro Rabatt pro Packung scheinen doch nicht so viel zu sein.

ENGEL: Auf den ersten Blick vielleicht nicht, aber wenn Sie bedenken, dass eine durchschnittliche Apotheke einen Rohgewinn vor Steuern von 126 TEUR macht und etwa 40.000 Packungen abgibt, dann vermindert sich bei einem Euro Rabatt der Gewinn um fast ein Drittel. Die 40.000 EUR weniger, entsprechen fast einer Stelle.

Sie sollten auch bedenken, dass die Preisbildung in Deutschland umfassend reguliert ist. Apotheken dürfen keine Rabatte für verschreibungspflichtige Arzneimittel in Anspruch nehmen und sogar Skonti sind reglementiert. Auf den Einkaufspreis schlagen Apotheken pro Packung 8,35 EUR für die Beratung bei der Abgabe und 3 % für die Verzinsung der Lagerhaltung und Bruch auf. Die Kassen ziehen von den 8,35 EUR gleich 1,77 EUR ab, so dass nur 6,58 EUR pro Packung verbleiben. Für diesen Preis leisten Apotheken eine umfassende Beratung ihrer Patienten.

SEIDLEIN: Welche Entwicklung erwarten Sie?

ENGEL: Es ist zu befürchten, dass die Krankenkassen die Aufweichung der Arzneimittelpreisverordnung nutzen werden, um die Rezepte der Patienten, die chronisch krank sind, über längere Zeit die gleichen Arzneimittel benötigen und relativ wenig Beratungsbedarf haben, also etwas weniger Aufwand machen, in ausländische Versandapotheken zu lenken. Das verringert den Ertrag für inländische Apotheken vor Ort und wird dazu führen, dass kleinere Apotheken aufgeben müssen.

SEIDLEIN: In vielen Städten hat man den Eindruck, dass sich Apotheke an Apotheke reiht, wäre es schlimm, wenn die Anzahl abnähme?

ENGEL: Die Konzentration von Apotheken in Stadtlagen ist durch die höhere Arztdichte in Städten bedingt. Sorgen machen muss man sich um Orte, in denen jetzt eine oder zwei Apotheken die Versorgung sicherstellen. Diesen wird, sobald Krankenkassen die Rezepte in Versandapotheken lenken, die wirtschaftliche Grundlage entzogen, sie fallen wahrscheinlich weg und stehen dann für die Versorgung insbesondere der schwächsten der Gesellschaft nicht mehr zur Verfügung. Diese werden unter dem Wegfall der ortsnahen Versorgung am meisten leiden.

SEIDLEIN: Warum denken Sie, dass der Wegfall ortsnaher Apotheken insbesondere die Schwachen treffen wird.

ENGEL: Nun, wer besucht regelmäßig eine Apotheke? Chronisch Kranke, Ältere und Familien mit Kindern. Und sie benötigen die Apotheke mit Rat und Tat entweder, weil sie chronisch krank sind und Informationen zur Anwendung ihrer Arzneimittel benötigen. Oder sie brauchen eine ortsnahe Apotheke, weil sie akut erkrankt sind und nicht drei Tage auf die Zustellung eines Antibiotikums warten können. Auch Schwerkranke, die starke Schmerzmittel benötigen, können diese nur in einer  Apotheke vor Ort erhalten. Der Versand dieser Arzneimittel ist nämlich bereits verboten.

Kunden, die nicht akut erkrankt sind, die ihren Arzneimittelbedarf planen können und die vielleicht aufgrund ihres Bildungsstatus in der Lage sind, sich durch Beipackzettel zu wühlen, kommen vielleicht ohne Beratung vor Ort aus.

SEIDLEIN: Herr Dr. Engel, ich danke ihnen für das Gespräch.

ENGEL: Sehr geehrter Herr Dr. Seidlein, auch ich danke ihnen, dass ich ihnen die Position der Apothekerkammer Mecklenburg-Vorpommern vorstellen konnte.