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SoVD unterstützt Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen

Wie schon 2016 nahm der SoVD auch 2017 am nunmehr 11. Nachsorgekongress der Hannelore-Kohl-Stiftung teil. Während im vergangenen Jahr im Zentrum der Vorträge und Diskussionsforen ganz die bevorstehende Verabschiedung des Bundesteilhabegesetzes gestanden hatte, konnte nun schon über erste Erfahrungen mit dem neuen SGB IX berichtet werden. Die Kritik, die auch der SVD in einem sehr engagierten Positionspapier vor dem Inkrafttreten des Gesetzes geäußert hatte, hat sich seitdem als zutreffend erwiesen.

Prinzipiell war eine Neufassung des SGB IX erforderlich und gerechtfertigt. Im nunmehr geltenden Recht wird jedoch zum Beispiel das wichtige Wunsch- und Wahlrecht der Betroffenen nicht zufriedenstellend gelöst. Nachbesserungen sind auch in anderen Paragraphen erforderlich. Die Wahlbausteine des SoVD werden diesem Thema besonderes Augenmerk schenken.

Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen leben unter uns. In sehr schweren Fällen nehmen wir sie wahr, in den allermeisten Fällen nicht. Die Schädigung des zentralen Nervensystems ist zumeist eine Unfallfolge und betrifft etwa 332 von 100 000 Menschen im Jahr. Etwa 6 000 Menschen sterben an den Unfallfolgen. Alle anderen leben dank des gut ausgebauten Notfallsystems in Deutschland und der immer effektiveren medizinischen Betreuung und Rehabilitation mit ihren unterschiedlich ausgeprägten erworbenen Hirnschädigungen unter uns, in ihren Familien oder in unterschiedlichen Einrichtungen für Menschen mit dauerhaften schweren Teilhabebeeinträchtigungen.

Die Auswirkungen des Schädel-Hirn-Traumas können offensichtlich oder kaum wahrnehmbar sein. Immer aber sind sie von Teilhabebeeinträchtigungen begleitet, die sich insbesondere bei kontinuierlicher hoher physischer und psychischer Beanspruchung zeigen, aber auch bei lang anhaltender stereotyper Tätigkeit. Es resultieren nicht selten Konflikte im Betrieb, Arbeitsplatzverlust und Verdrängung in das soziale Abseits.

Die wesentliche Ursache dafür sehen Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen und Therapeutinnen und Therapeuten in mangelndem Verständnis der Umwelt im weitesten Sinne für diese Krankheit. Dies geht wiederum zurück auf ungenügende Information, obwohl Unfälle, die zu diesen Krankheitserscheinungen führen, jeden Menschen in unserem hochtechnisierten Land betreffen können, sowohl im Beruf als auch außerhalb davon. Aber Kostenträger wie auch Erbringer von Leistungen zur medizinischen Behandlung inklusive medizinischer Rehabilitation haben Schwierigkeiten, ihre Leistungspflicht bei Therapie und Rehabilitation der Folgen solcher Hirnschädigungen zu erkennen, anzuerkennen und zu realisieren.

Dabei zeigen die Zahlen, dass eine Vielzahl der Erkrankten Jahr für Jahr in immer höherer Anzahl in den Alltag zurückkehren kann, wenn auch mit Einschränkungen. Es könnten mehr sein mit weniger Einschränkungen. Dass dies nicht so ist, liegt unter anderem an der im Bundesteilhabegesetz nicht vorgesehenen, von den Betroffenen und Verbänden wie dem SoVD dringend geforderten Fallbegleitung. Deutschlandweit existieren nur zwei Einrichtungen der mobilen neurologischen Rehabilitation und etwa 11 Prozent der Werkstätten sind nicht offen für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen.

Es liegt auch an unzureichender Information der Betroffenen und ihrer Familien und am mangelnden medizinischen Wissen um die Besonderheiten dieser Unfallfolgen bei Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und Psychologen, Therapeutinnen und Therapeuten, Leistungserbringern, Kostenträgern und privaten Versicherungen. Sind aber beispielsweise den Ärztinnen und Ärzten die Folgen solcher Hirnschädigungen in ihrem klinischen Bild, ihrer Prognose und ihrer Behandelbarkeit nicht bekannt, dann können diese auch keine aussagekräftigen Rehabilitationsanträge erstellen, weil eben die wichtigen Aussagen zum Rehabilitationsziel, zum Rehabilitationspotenzial und zur Rehabilitationsprognose nicht getätigt, das heißt in den Arztberichten zu Anträgen der Rehabilitation nicht formuliert, werden können.

Dies wollen die Hannelore-Kohl-Stiftung, die Arbeitsgemeinschaft mit ihren Nachsorgekongressen und die mit solchen Patentinnen und Patienten befassten Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, Betreuenden, Familien und Netzwerke, die zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen in außerordentlich guter Qualität existieren, ändern.

Deshalb finden diese Nachsorgekongresse in Berlin statt. Hier nimmt sie das „politische Berlin“, wie es Frau Bundesministerin a. D. und jetzige Präsidentin der Hannelore-Kohl-Stiftung Schröder formulierte, wahr. Hier wird Verständnis dafür geweckt, dass allen Menschen ein solches Schicksal drohen kann, allen, die im beruflichen Leben stehen, allen, die in ihrer Freizeit unterwegs sind, allen Opfern von Gewalttaten in der Öffentlichkeit wie auch in der Familie.