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Triage - Warum wir darüber sprechen müssen.

Aktuelles

Mit dem Konzept der Triage arbeiten Ärzte und ihre Helfer im Krieg, bei großen Unglücken und bei Epidemien mit einer hohen Anzahl von Verletzten bzw. Erkrankten.

Das Wort Triage stammt vom französischen Verb "trier", das "sortieren" oder "aussuchen" bedeutet. Es beschreibt eine Situation, in der Ärzte und Ärztinnen entscheiden müssen, in welcher Reihenfolge sie Menschen unter Wertung von menschlichen und materiellen Ressourcen und den konkreten Situationen am Ereignisort helfen können. Solche Konzepte gibt es in jeder Armee, und es gibt sie auch in jedem Katastrophenplan, auf jedem Schiff, in jedem Bergwerk, in jeder Chemiefabrik, auf jeder Bohrinsel, auf jedem Flugplatz usw. Dienende oder Mitarbeiter in den verschiedenen Sanitätsdiensten werden für die Triage geschult.

Im Ernstfall stellen diese Einstufungen eine physisch und psychisch kaum zu verkraftende Entscheidungssituation dar. Dennoch sind sie unumgänglich. Im Falle eines GAU, eines größten anzunehmenden Unfalles/Unglückes, können niemals ausreichende Möglichkeiten bestehen, um alle im Einzelfall notwendigen Maßnahmen durchzuführen. Das haben uns nicht nur Kriege, sondern auch Naturkatastrophen, Industrieunfälle und Terroranschläge gezeigt.
Nun fordert die Corona-Pandemie diese Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit der Katastrophenhelfer und der Katastrophenlogistik heraus. Viele Versäumnisse werden deutlich. Das liegt zum einen daran, dass Katastrophen nicht zu den Lieblingsthemen der Politiker gehören. Damit sind nur wenig Stimmen zu gewinnen. Es liegt auch daran, dass, zumindest in Europa, die meisten Länder mehr als 70 Friedensjahre erleben durften und die nunmehr dritte Generation nach dem Krieg Geborener keinerlei Vorstellungen von dem unendlichen Leid hat, welches alle Menschen trifft, sofern sie sich in kriegerische Auseinandersetzungen verwickeln bzw. auch treiben lassen.

Insofern ist auch die Vorbereitung auf solche Ereignisse kein interessantes Thema für die Politiker in Europa. Doch es geht anders. Das sehen wir, wenn wir nach Israel schauen, in ein Land, welches in seiner Existenz tagtäglich Bedrohungen ausgesetzt ist.

Das Wissen um sich endemisch oder pandemisch ausbreitende Krankheiten ist gerade in Deutschland sehr hoch. Wichtige Grundlagenforschungen dazu wurden und werden an unterschiedlichen Universitäten durchgeführt. Nur, sie werden vielfach nicht in praktisches Handeln überführt. Es gab, so lehren uns die Coronajahre, keine Katastrophenpläne, die erfolgreich anwendbar gewesen wären. Ja, es gab nicht einmal ein entsprechendes aussagekräftiges Meldewesen oder eine Übersicht zu Intensivbetten bei der Regierung.  Alle nach dem Auftreten der Pandemie eingeleiteten Maßnahmen blieben Stückwerk, auch weil dem deutschen Föderalismus drastisch seine Grenzen aufgezeigt wurden. Zweifelnd schaut die Welt auf das für sein Organisationvermögen und seine Innovationskraft überall anerkannte Deutschland. Nun sehen alle, es waren alles nur „des Kaisers neue Kleider“.

Das Problem ist also sehr komplex. Das System der Beherrschung von Katastrophen zu erneuern, wird mehr als eine Legislaturperiode des Bundestages in Anspruch nehmen. Nichtdestotrotz kristallisieren sich einzelne Problemfelder heraus, die jetzt einer Lösung bedürfen, weil ansonsten weiterführende Pläne von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Es zeigen sich Phänomene, die nie gedacht wurden, die undenkbar waren und nun aber einer sofortigen Lösung bedürfen.  Diese Probleme berühren alle Sozialverbände gleichermaßen, die sich um behinderte und benachteiligte Menschen kümmern und deren uneingeschränkte Teilhabe verlangen: Wenn es nicht ohne Triage geht, die immer eine Entscheidung für eine Gruppe oder Person und somit auch gleichzeitig eine Entscheidung gegen eine andere Person oder andere Gruppe ist, dann wird Artikel 1 unseres Grundgesetzes ebenso wie Artikel 3 auf eine schwere Probe gestellt.

Die Würde des Menschen ist unantastbar und Niemand darf benachteiligt werden. Wir erleben in vielen gesellschaftlichen Bereich eine zunehmende Missachtung dieser Verfassungsgebote. Folgerichtig sehen Menschen mit Behinderungen die reale Gefahr, in einer Triage benachteiligt zu werden. Auch das höchste deutsche Gericht hat diese Sorge sehr ernst genommen und die mögliche Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen aus dem eigentlichen Triageverfahren vor Einleitung des Verfahrens selbst erkannt. Deshalb hat das Gericht den Bundestag am Dienstag aufgefordert, "unverzüglich" Vorkehrungen zum Schutz von Menschen mit Behinderungen für den Fall einer pandemiebedingten Triage zu treffen. Der Gesetzgeber habe nach Ansicht des Gerichtes das Grundgesetz verletzt, weil er solche Vorkehrungen bisher eben nicht getroffen habe.

Der SoVD - Sozialverband Deutschland e.v.  begrüßt ausdrücklich diesen Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes in der Folge einer Klage von Betroffenen vor unserem höchsten deutschen Gericht. Wir fordern die gerade in den Bundestag gewählten Abgeordneten auf, zügig und im Sinne unseres Grundgesetzes die vom BVG geforderten Schutzmaßnahmen für Menschen mit Behinderungen und, aus der Sicht des SoVD, auch für alte und hochaltrige Menschen zu diskutieren und zu beschließen. Der SoVD bietet sich als kompetenter Verband, mit einer einhundertjährigen Geschichte in der Interessenvertretung von Behinderten und Benachteiligten Menschen, für zielorientierte Gespräche und Mitarbeit in nun zu schaffenden Expertengruppen an. Die Diskussion wird eine grundsätzliche sein und damit beginnen, wen meint das Bundesverfassungsgericht, wenn es von Behinderten spricht.

Der SoVD in Mecklenburg-Vorpommern wird die Landesregierung auffordern, ebenfalls zu prüfen, ob für den Fall der Triage die Landesgesetzgebung ausreichend Schutz und Gewähr dafür bietet, Menschen mit Behinderungen nicht zusätzlich zu benachteiligen.

Dr. med. Helmhold Seidlein 
SoVD – Landesvorsitzender Mecklenburg-Vorpommern